Autonomiekonflikt

Was hat eine Angst­störung mit Frei­heit zu tun?

Bei einer typischen Angststörung kann im Allgemeinen ein ungelöster Autonomie­konflikt angenommen werden. Dabei steht das Bedürfnis nach der selbst­bestimmten Erfüllung der eigenen Trieb­wünsche im Konflikt mit der Befürchtung, dadurch geliebte Bezugs­personen zu enttäuschen bzw. die soziale Anerkennung und Sicher­heit zu verlieren.

Viele Betroffene erleben den Spannungs­zustand dieses ungelösten inneren Konflikts in Form einer sozialen Phobie oder generalisierten Angststörung, in einigen Fällen sogar mit Panik­attacken. Bei Studierenden kommt es häufig zu Prüfungsängsten.

Ein Autonomie­konflikt kann sich auch in einer anderen Symptomatik als einer Angststörung ausdrücken, z.B. in Zwangs­störungen, Essstörungen oder somatoformen Störungen, wobei hier die Situation etwas komplexer ist.

Der Autonomie­konflikt einfach erklärt

Überlebens­sichernde Angst

Angst ist eine gesunde Reaktion, die vor Gefahren und Schäden bewahrt. Die Angst psychisch gesunder Menschen führt zu einer besonderen Vorsicht und Achtsamkeit und zu einem nützlichen Spannungs­zustand, der die körperliche und geistige Leistungs­fähigkeit steigert. In der Folge können Heraus­forderungen effektiver und sicherer bewältigt werden.

Angst kann auch ein Antrieb dafür sein, vorausschauend für die Existenz­sicherheit zu sorgen. Wenn diese existenz­sichernde Tätigkeit selbst­bestimmt und freude­voll geschieht, werden wir wohl kaum eine antreibende Existenz­angst dazu benötigen.

Leider gibt es im Leben einiges zu tun, das mit einem Gefühl des Müssens verbunden sein kann. Z.B. war das in früheren Zeiten das Zusammen­tragen und Zerkleinern von Brennholz, um im Winter nicht zu erfrieren.

Wunsch nach Sicherheit und sozialer Anerkennung

In Zeiten von Zentral­heizung und Arbeits­teilung sind wir nicht mehr der Angst vor dem Erfrieren ausgesetzt und brauchen uns nicht mehr mit dieser Art von Existenz­sicherung wie Brennholz­sammeln beschäftigen.

Allerdings benötigen wir im Rahmen der Arbeits­teilung eine Profession, die unser Überleben sichert und die Heizkosten finanziert. Dazu kommt, dass Arbeits­teilung eine Gesell­schaft inkludiert, an der wir im Allgemeinen teilhaben wollen und in der wir idealer­weise auch über Ansehen verfügen.

Wunsch nach Freiheit und Selbst­bestimmung

Psychisch gesunde Menschen wollen sich aber ungern den Zwängen einer Gesell­schaft unterwerfen, sondern frei und selbstbestimmt leben. Ein freies Leben bzw. die selbst­bestimmte persönliche Entfaltung steht jedoch häufig im Wider­spruch mit den Anforderungen dieser arbeits­teiligen Gesell­schaft oder den Idealen geliebter Bezugs­personen.

Eltern hätten gerne, dass ihre Kinder etwas Ordentliches (Existenz­sicherndes) studieren und sich gut benehmen. Auch gesellschaft­lich wird eine brauchbare Ausbildung bzw. Berufs­tätigkeit und erwünschtes Sozial­verhalten entsprechend honoriert.

Kompromiss zwischen dem Bedürfnis nach Selbst­bestimmung und dem Wunsch nach Sicherheit und sozialer Anerkennung

Deshalb besteht die Gefahr, dass eigene Bedürfnisse und Trieb­wünsche zurück­gestellt werden und statt­dessen mehr oder weniger eine gesellschaft­lich bzw. familiär angepasste und erwünschte soziale Teilhabe gelebt wird. Z.B. wird eine bestimmte Ausbildung zuliebe der Bezugs­personen oder aufgrund des sozialen Gewinns bzw. der Existenz­sicherheit absolviert. In der Folge haben die Betroffenen das Gefühl, sie müssen funktionieren und entsprechen.

Die mit dieser gefühlten Unfreiheit verbundenen Ängste, Zweifel und Widersprüche sind Teil der normalen Persönlich­keits­entwicklung. Die meisten jungen Erwachsenen gelangen im Laufe des Entwicklungs­prozesses bis zum vollen Erwachsensein selbst und mithilfe ihrer sozialen Beziehungen (Freunde, Mitstudierende, Kollegen, Lehrer, etc.) zu einem zufrieden­stellenden Kompromiss zwischen dem Bedürfnis nach Selbst­bestimmung und dem Wunsch nach Sicherheit und sozialer Anerkennung.

Misslungene Lösung eines Autonomie­konflikts

Wenn allerdings in der Kindheit die Autonomie­entwicklung beeinträchtigt wurde, besteht die Gefahr eines unlösbaren Autonomie­konflikts. Zwar versuchen die Betroffenen (meist unbewusst), einen gelungenen Kompromiss zwischen dem Bedürfnis nach der selbstbestimmten Erfüllung der eigenen Trieb­wünsche einerseits und den tatsächlichen und vermuteten familiären und gesellschaft­lichen Ansprüchen andererseits zu finden, aber aufgrund der beein­trächtigten Autonomie­ent­wicklung scheitern sie daran. Die Folgen reichen von einem unglücklichen Lebens­gefühl bis hin zu einer psychischen Problematik.

Außerdem kann es zu Problemen bei der Entwicklung von Selbst­bewusstsein, Selbst­sicherheit und Selbst­vertrauen kommen, wenn die wahren eigenen Interessen, Potentiale und Fähigkeiten den familiären und gesellschaftlichen Idealen geopfert werden.

Den Autonomie­konflikt professionell lösen

Ein Autonomie­konflikt ohne psychische Problematik wird oft in einer psychologischen Beratung, einer Lebensberatung oder einem Coaching im Rahmen der professionellen Bearbeitung persönlicher, familiärer oder beruflicher Probleme (mit)gelöst.

Bei einem unlösbaren Autonomie­konflikt kommt es im Allgemeinen zu einer psychischen Problematik. In einer Psychotherapie werden sowohl Lösungs­strategien entwickelt als auch die zugrunde liegenden Ursachen sowie Fehlent­wicklungen in der Kindheit bearbeitet. Dabei kann sich die therapeutische Vorgehens­weise je nach psychotherapeutischer Methode beträchtlich unterscheiden.

Ob Psychotherapie, Lebens­beratung oder Coaching, den Betroffenen wird in jedem Fall bewusst gemacht, dass es im Leben nicht darum geht, selbstlos andere zufrieden zu stellen oder glücklich zu machen, sondern

Das mag auf den ersten Blick egoistisch erscheinen. Allerdings dient die Entfaltung, Gesund­heit und Beziehungs­fähig­keit eines Individuums auch dem Wohle der Gesellschaft. Zudem tendiert ein freies gesundes beziehungsfähiges Individuum dazu, auch den Mitmenschen diese Eigenschaften zu ermöglichen und sie bei ihrer Entwicklung und Entfaltung zu fördern.