Depression

Formen und Ursachen von Depressionen und die Behandlung mit Psychotherapie und Antidepressiva

Depressionen nehmen mittlerweile das Ausmaß einer Volkskrankheit an. Je nach Studie und Definition depressiver Störungen erkranken 10 bis 20 % der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer behandlungsbedürftigen Depression. Frauen sind fast doppelt so oft betroffen wie Männer.

Depressive Störungen äußern sich vor allem in gedrückter Stimmung und Antriebslosigkeit, aber sie können hinsichtlich Symptomatik und Schwere sehr vielfältig sein. Am effektivsten werden Depressionen mit einer Kombination aus Antidepressiva und Psychotherapie behandelt.

Bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich eine Depression meist anders als bei Erwachsenen. Häufig verbirgt sich hinter psychosomatischen Symptomen, auffälligem Verhalten und massiven Ängsten eine depressive Störung bzw. Bindungsstörung. Die für Depressionen typische gedrückte Stimmungslage und Antriebslosigkeit ist im Allgemeinen erst ab dem späten Jugendalter zu beobachten. Mehr dazu in meinem Fachartikel über Depressionen bei Kindern und Jugendlichen.

Wichtiger Hinweis: Diese Seite dient allen Interes­sierten zur Information und kann keines­falls ein ärztliches oder thera­peutisches Gespräch ersetzen. Bitte beachten Sie, dass ich Wissen­schaftler und Lehrender bin und keine Behandlung anbiete!

Merkmale einer Depression

Eine typische depressive Episode ist gekennzeichnet durch eine gedrückte Stimmung und einer Reduzierung von Antrieb und Aktivität. Lebensfreude, Interesse, Konzentration und sexuelle Lust sind vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt, begleitet von Schuldgefühlen, Ängsten und Gedanken über die eigene Wertlosigkeit.

Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Häufig ist der Appetit vermindert. Der Schlaf ist meist gestört, vorwiegend mit Früherwachen und Morgentief. Es kann auch eine innere Unruhe und Rastlosigkeit mit gesteigertem Mitteilungsbedürfnis (Beklagen, Jammern) vorkommen.

Eine Depression darf nicht mit Trauer bzw. Traurigkeit verwechselt werden. Trauernde trauern um das, was sie verloren haben, während Depressive dem nachhängen, was sie nie bekommen haben.

Formen und Schwere von Depressionen

Es gibt leichte, mittelgradige und schwere depressive Episoden. Eine schwere depressive Episode wird auch als majore Depression bezeichnet, die mit psychotischen Symptomen einhergehen kann und dann psychotische Depression oder depressive Psychose genannt wird.

Eine rezidivierende depressive Störung ist durch wiederholte depressive Episoden charakterisiert, wobei sich die gegenwärtige Episode in ihrer Schwere von den vorherigen Episoden unterscheiden kann.

Formen depressiver Störungen

Ursachen und Erklärungsmodelle

Die Erklärungsmodelle für Depressionen sind vielfältig. Jedenfalls dürften genetische, neurobiologische und organische Faktoren in Kombination mit Erfahrungen aus der Kindheit und falsch eingelernten Bewältigungsstrategien in schwierigen Lebenssituationen einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung leisten.

Als maßgebliche Ursache für die Depression wird eine Kindheit vermutet, in der die Bezugspersonen überfordert waren und dadurch das kleine Kind keine sichere Bindung entwickeln konnte. In dieser Umgebung erfahren Kinder oft den Anspruch, die Eltern glücklich zu machen oder zumindest problemlos zu funktionieren, um das zerbrechliche familiäre System im Gleichgewicht zu halten. Sensible Kinder reagieren auf diese Überforderung häufig mit der bedingungslosen Anpassung an die familiären Bedürfnisse. Eigene Bedürfnisse werden zurückgestellt.

In der Folge wird das ständige Erfüllen von Erwartungen zum leitenden Handlungsmotiv. Das bedrückende Gefühl der Ohnmacht, die Hilflosigkeit und das mangelnde Selbstwertgefühl (latente Depression) werden dann häufig mit Größenphantasien oder einem Helfersyndrom kompensiert. Wenn die Überforderung ein nicht mehr erträgliches Maß erreicht, wird aus der latenten eine offene Depression.

Die depressive Störung kann auch die Folge einer gestörten Interaktion zwischen Mutter und Kind sein. Depressive Mütter zeigen mehr Anspannung und eine weniger verspielte, wechselseitig belohnende Interaktion mit Kindern. So kann für das Kind der verspielte freudevolle Zugang zum Leben eingeschränkt sein bzw. fühlt es sich nicht so willkommen auf der Welt.

Insbesondere sensible Kinder versuchen bereits im Kleinkindalter die depressive Mutter aufzuhellen, was natürlich nicht möglich ist und in Frustration, Schuldgefühlen und Ängsten endet. In der psychotherapeutischen Behandlung wird den Patienten begreifbar gemacht, dass sie nicht schuld sind an der Depression der Mutter und dass sie es sich wert sein dürfen, Nähe und Geborgenheit in ihren neuen gelungenen Beziehungen zu erfahren.

Eine depressive Episode kann als Reaktion auf ungünstige Lebensumstände, Verluste oder körperliche Erkrankungen ausgelöst werden. Dabei spielen genetische Prädisposition und die Vulnerabilität eine wesentliche Rolle. Die Vulnerabilität beschreibt in der Psychiatrie und Psychologie die Anfälligkeit eines Menschen für eine bestimmte psychische Störung.

Die individuellen seelischen Hintergründe einer Depression werden oft erst im Rahmen einer längeren Psychotherapie erkannt.

Psychotherapie bei Depressionen

Zur Behandlung von Depressionen eignet sich grundsätzlich jede zugelassene psychotherapeutische Methode. Aufgrund bestimmter Eigenheiten von Depressionen sollte die Psychotherapie aber jedenfalls von einem erfahrenden Psychotherapeuten durchgeführt werden, der sich schon länger mit den unterschiedlichen Formen depressiver Störungen befasst und mit deren Besonderheiten gut vertraut ist.

Die psychotherapeutischen Methoden unterscheiden sich zum Teil beträchtlich im Behandlungsansatz. Allen Methoden gleich ist der Aufbau einer gelungenen therapeutischen Beziehung, in der die Betroffenen eine stabile freudevolle reflektierende Interaktion erfahren. So kann sich im Laufe der Zeit eine sichere Bindung entwickeln, die in der Folge eine Nachreifung der Persönlichkeit bewirkt.

Die sichere therapeutische Beziehung ermöglicht die Konfrontation mit inneren Konflikten, verdrängten Gefühlen und schmerzlichen Lebenserfahrungen. Im Allgemeinen werden dabei die zugrunde liegenden Ursachen und psychodynamischen Hintergründe bearbeitet, die zur Depression und zu den damit verbunden Ängsten, Beeinträchtigungen und Beziehungsproblemen führten.

Depressive Menschen haben oft das Nein sagen nicht erlernt bzw. nicht die Kraft dazu. Deshalb wird die aufopfernde, altruistische oder unterwürfige Lebenshaltung im Laufe der Therapie immer mehr in Frage gestellt. In der Folge lernen die Patienten, die volle Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, über sich selbst zu bestimmen und sich selbst gut zu versorgen.

Zur Therapie einer Depression gehört auch die Aufdeckung und Bearbeitung von Ängsten. Angstbewältigung bedeutet in diesem Fall Trauerarbeit bzw. Trennungsarbeit. Dabei geht es meist um die angstbesetzte emotionale Ablösung von den Eltern und um die Loslösung von unrealistischen und bedenklichen Idealvorstellungen, Werthaltungen und Erwartungshaltungen.

Durch Angstbewältigung und Loslösung befreien sich die Patienten von ihrer unlebendigen depressiven Starre und können sich dadurch auf das Leben einlassen. Die Betroffenen erkennen im Laufe der Therapie, dass es für ein gelebtes lebendiges Leben notwendig ist, die eigenen Ängste zu überwinden und Risiken einzugehen. Während sie vor der depressiven Episode eine Art von Ersatzleben mit Ersatzbefriedigungen führten, wenden Sie sich im Laufe der Therapie immer mehr den wahren Bedürfnissen zu. Sie realisieren, was für ein lustvoller Abenteuerspielplatz die Welt ist und können sich auf Beziehungen einlassen bzw. echte Nähe zulassen.

Körperorientierte Psychotherapie

Mittlerweile werden in den unterschiedlichen psychotherapeutischen Methoden vermehrt körperpsychotherapeutische Ansätze integriert. Sie erleichtern den Zugang zu verdrängten bzw. unterdrückten Gefühlen und Erfahrungen. Außerdem können aufgrund der verbesserten Körperwahrnehmung in der Folge auch die eigenen seelischen und körperlichen Bedürfnisse klarer wahrgenommen werden.

Behandlung mit Antidepressiva

Neuere Studien zeigen, dass die psychiatrische Behandlung (Medikamente und kurze psychiatrische Gespräche) geringfügig wirksamer ist als Psychotherapie. Die besten Behandlungserfolge können mit der Kombination aus medikamentöser Behandlung und Psychotherapie erzielt werden.

Dabei werden insbesondere bei mittelgradigen und schweren Depressionen Antidepressiva eingesetzt. Bei Antidepressiva gibt es kein Abhängigkeitspotenzial und richtig eingesetzt bzw. dosiert halten sich in den meisten Fällen die Nebenwirkungen in Grenzen.

Eine medikamentöse Behandlung der Depression mit Psychopharmaka soll immer durch einen Facharzt für Psychiatrie erfolgen. Erster Ansprechpartner ist allerdings meist der Hausarzt, der im Idealfall mit dem organischen und psychosozialen Status des Betroffenen vertraut ist. Der Hausarzt stellt auch die Bestätigung der ärztlichen Untersuchung bei Inanspruchnahme einer psychotherapeutischen Behandlung aus.

Liegt den depressiven Zuständen eine körperliche Krankheit zugrunde (organische Depression), ist eine Kombination aus entsprechender fachärztlicher Behandlung (FA für innere Medizin, Schmerzmediziner, etc.), psychiatrischer Behandlung mit Antidepressiva sowie psychotherapeutischer Behandlung angezeigt.

Stationäre Behandlung

Bei einer schweren depressiven Episode, insbesondere bei Suizidgefahr oder bei einer Depression mit psychotischen Symptomen (Halluzinationen, Wahnideen, psychomotorische Hemmung), ist üblicherweise ein stationärer Aufenthalt auf einer psychiatrischen Station erforderlich.

Krisenintervention

Bei akuten Krisen können Sie sich an die psychiatrische Ambulanz des zuständigen Spitals wenden. In Wien gibt es außerdem das Kriseninterventionszentrum (beim AKH).