Erwachsenwerden

Entwicklungs­aufgaben, Probleme und Krisen im jungen Erwachsenenalter

Erwachsenwerden ist gar nicht so einfach, denn die fragile Lebensphase von der Jugend bis zum vollen Erwachsensein ist aufgrund der enormen hirnorganischen und psychosozialen Veränderungen häufig von Problemen, Ängsten, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und seelischen Krisen geprägt.

Entwicklung im späten Jugend- und jungen Erwachsenenalter

Die Entwicklungsaufgaben im Kindes- und frühen Jugendalter unterscheiden sich fundamental von den Herausforderungen im Erwachsenenalter. Dazwischen liegt im Alter von etwa 16 bis 29 Jahren die Übergangsphase des späten Jugend- und jungen Erwachsenenalters, welche hinsichtlich der Entwicklungsaufgaben wiederum eine ganz eigene Charakteristik und Problematik aufweist, die das Erwachsenwerden bzw. sich erwachsen zu verhalten so schwierig macht.

Hirnorganische Entwicklung im Jugendalter

Während Kinder vollständig von den Eltern bzw. Bezugspersonen abhängig sind, streben Jugendliche zunehmend nach einem selbstbestimmten und selbst­ver­ant­wortlichen Leben. Sie lösen sich von den Eltern und entwickeln eigene Vorstellungen vom Leben. Die kindliche Liebe, die auf der Abhängigkeit des Kindes von den Eltern basiert, wird aufgegeben und es beginnt die Entwicklung der Fähigkeit, eine sexuelle Liebesbeziehung in einer neuen Bindung einzugehen.

Jetzt werden viele neuronale Verbindungen aus der Kindheit nicht mehr gebraucht und in der Folge wird das Gehirn entsprechend umstrukturiert. Im jugendlichen Gehirn herrscht also ein ziemliches Durcheinander, denn zum einen werden die kindlichen neuronalen Verbindungen aufgelöst und zum anderen sind die neuen (erwachsenen) Verbindungen noch im Entstehen. In dieser chaotischen Lebensphase ist häufig die Impulskontrolle beeinträchtigt, was sich in risikoreichem oder kopflos wirkendem Verhalten zeigt.

Einen umfassenden Artikel über die Hirnentwicklung während der Adoleszenz finden Sie auf der Webseite dasgehirn.info.

Hornorganische Entwicklung im späten Jugend- und jungen Erwachsenenalter

Im späten Jugend- und jungen Erwachsenenalter werden die ungenutzten neuronalen Verbindungen gänzlich aufgelöst. Die meisten neuen Verbindungen sind zwar schon vorhanden, müssen allerdings im Laufe des Erwachsenwerdens noch gefestigt werden. Dabei geht es vor allem um die Verbindungen zwischen den Hirnarealen, die für Emotionen und für Planung zuständig sind. Diese Lebensphase ist häufig von Unsicherheit und Ängsten geprägt.

Studien zeigen, dass in einer modernen Gesellschaft das volle Erwachsen­werden immer länger dauert und die Entwicklung zu einer gefestigten Persönlichkeit häufig erst um das 29. Lebensjahr abgeschlossen ist.

Psychosoziale Entwicklungsaufgaben und innere Konflikte im späten Jugend- und jungen Erwachsenenalter

Jugendliche und junge Erwachsene haben im Allgemeinen ein ausgeprägtes Freiheitsbedürfnis. Sie wollen nicht den Werthaltungen der Eltern bzw. Elterngeneration folgen, sondern ihren eigenen Weg gehen und die eigene Identität entfalten.

Die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben steht jedoch häufig in Konflikt mit der Befürchtung, dadurch geliebte Bezugspersonen zu enttäuschen oder die soziale Anerkennung zu verlieren. Diese Problematik wird Autonomiekonflikt genannt und kann im Rahmen der gesunden Persönlichkeitsentwicklung selbst sowie mit Freunden und Vertrauenspersonen bearbeitet werden.

Misslingt der Versuch einer Kompromisslösung zwischen dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Sicherheit und sozialer Anerkennung, entsteht eine innere Zerrissenheit und in der Folge kommt es zu einer psychischen Problematik, die sich ich häufig in Form von Ängsten, Zwängen, Essstörungen und psychosomatischen Beschwerden äußert. In der Schule oder im Studium sind die Betroffenen besonders häufig mit Prüfungsängsten oder Sozialphobie konfrontiert.

Jugendliche und junge Erwachsen leiden außerdem häufig an einem Mangel an Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Selbstvertrauen. Sie sind sich ihrer selbst noch nicht sicher und sie vertrauen noch zu wenig auf ihre Fähigkeiten, weil sie noch auf der Suche nach sich selbst und mitten in einem extrem fordernden Lern-, Erfahrungs- und Entwicklungsprozess sind.

Eine besondere Herausfordung ist der Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums. Das Zusammentreffen von fremder Umgebung, neuen persönlichen Problemstellungen und schwierigen fachlichen Aufgabenstellungen können einerseits sehr förderlich für die Persönlichkeitsentwicklung sein, aber andererseits auch die Psyche überfordern und zu fachlichen, persönlichen und psychischen Problemen und Krisen führen. → Hilfe bei Krisen im Studium

Im späten Jugend- und jungen Erwachsenenalter wird außerdem die Liebe und Sexualität zu einem essentiellen Lebensthema. Immer mehr junge Menschen haben allerdings Bindungsängste. Zwar spüren sie eine beständige Sehnsucht nach Nähe, Zuneigung und Akzeptanz, aber aus Angst vor Zurückweisung und Verletzungen werden tiefere Beziehungen vermieden.

Die Bedeutung der Peer-Group

Die wesentlichen Entwicklungsaufgaben im späten Jungend- und jungen Erwachsenen­alter finden innerhalb der Peer-Group statt, also mit Freunden, Mitstudierenden und Kollegen. Dabei geht es vor allem um Freiheit und Identität. Insbesondere können in der Peer-Group die eigenen Fähigkeiten und Interessen im Rahmen von reflektierenden Gesprächen und gemeinsamen Aktivitäten weiterentwickelt werden.

Sofern keine schwere psychische Problematik zugrunde liegt, können die meisten Herausforderungen und die damit verbundenen Ängste, Zweifel und Krisen selbst bzw. mithilfe der Peer-Group erfolgreich bewältigt werden.

Mit neuen Bekanntschaften und nahen Beziehungen kann auch das Beziehungs­verhalten weiter entwickelt werden sowie im Rahmen der Eigenverantwortung und Selbstbestimmung die Nähe-Distanz-Regulation in neuen unbekannten Situationen und Beziehungen geübt werden, z.B. sich gut abgrenzen und Stopp sagen können gegenüber schwierigen Zeitgenossen.

Im gelungenen Fall erkennen die jungen Menschen in den vielen reflektierenden Gesprächen, wie starre Erwartungshaltungen, hohe Ideale und das Streben nach Erfolg und sozialer Anerkennung die persönliche Entwicklung und Entfaltung hemmen können. Durch diese Erkenntnis können sie unbeeinflusst den eigenen Lebensweg einschlagen und in der Folge ihre wahren Potentiale entfalten, anstatt den Idealen der Eltern oder den Ansprüchen einer narzisstischen konsumorientierten Gesellschaft zu folgen.

Im ungünstigen Fall der Autonomie- und Identitätsentwicklung kann jedoch die Problematik entstehen, dass die jungen Menschen gegen die Werthaltungen der Elterngeneration und gegen die Gesellschaft rebellieren, anstatt förderliche eigene Werthaltungen zu entwickeln und sich gesellschaftlich mit den eigenen Werten und Interessen einzubringen. Die Rebellion wird damit zur Fixierung auf die abgelehnten Werthaltungen, gegen die es kämpfen gilt, auch wenn die wahren eigenen Werte, Interessen und Fähigkeiten auf der Strecke bleiben.

Im Allgemeinen kann bei einer problematischen Entwicklung im späten Jugend- und jungen Erwachsenenalter hinsichtlich Identität, Autonomie, Bindungserleben und Nähe-Distanz-Regulation auf Entwicklungsdefizite in der Kindheit geschlossen werden. Einerseits kann hier die Peer-Group eine Möglichkeit der Problembewältigung bieten, andererseits kann die Problematik auch verstärkt werden, z.B. wenn die jungen Menschen in eine sozialen Umgebung geraten, die dazu tendiert, Alkohol, Drogen oder Gewalt zur Problembewältigung einzusetzen.

Bei problematischer Entwicklung im jungen Erwachsenenalter kann nur darauf gehofft werden, dass die Betroffenen früher oder später die Problematik erfassen und eine Veränderung herbeiführen oder sich bei Bedarf eine professionelle Hilfestellung holen. Es muss aber nicht immer gleich eine Psychotherapie oder psychologische Behandlung sein. Häufig kann bereits der Wechsel in eine förderliche soziale Umgebung, wie der Beginn eines Studiums, eine Gelegenheit zur positiven Veränderung und Weiterentwicklung sein.

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