Anpassungsstörung

Wann braucht es eine Psychotherapie bei schweren Lebenskrisen

Bei einem Trauerfall, einer Trennung oder großen Lebensveränderung kann es bei Fehlen erfolgreicher Bewältigungsstrategien zu seelischen Problemen und zur Störung der sozialen Funktionsfähigkeit kommen. Wenn die Symptomatik über eine übliche Lebenskrise hinausgeht, wird der Zustand als Anpassungs­störung bezeichnet. Umgangssprachlich kann auch von einer schweren Lebenskrise oder traumatischen Krise gesprochen werden.

Wichtiger Hinweis: Diese Seite dient allen Interes­sierten zur Information und kann keines­falls ein ärztliches oder thera­peutisches Gespräch ersetzen. Bitte beachten Sie, dass ich Wissen­schaftler und Lehrender bin und keine Behandlung anbiete!

Auslöser einer Anpassungsstörung

In den meisten Fällen einer Anpassungsstörung wurde das soziale Netz des Betroffenen beschädigt (z.B. bei Trauerfall, Trennungserlebnis, Emigration, Flucht). Auch größere Veränderungen oder ein großer Entwicklungsschritt im Leben können in einer schweren Lebenskrise münden (z.B. Elternschaft, Misserfolg, Erreichen eines ersehnten Zieles, Ruhestand).

Symptome und Diagnostik

Die Anzeichen sind unterschiedlich und umfassen im Allgemeinen eine gedrückte Stimmung, Ängste und Müdigkeit. Meist sind das Sozialleben und die berufliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Außerdem kann ein Gefühl bestehen, mit den alltäglichen Anforderungen nicht zurechtzukommen.

Aufgrund dieser Symptomatik wird anstatt einer Anpassungsstörung häufig eine leichte bis mittelgradige Depression diagnostiziert und von einer reaktiven Depression (depressive Reaktion auf ein belastendes Ereignis) gesprochen. Allerdings wird dabei Trauer bzw. Traurigkeit mit einer Depression verwechselt. Trauernde trauern um das, was sie verloren haben, während Depressive dem nachhängen, was sie nie bekommen haben.

Bei der Anpassungsstörung sind die Trauernden mit der neuen Situation überfordert und werden mit dem Verlust nicht ganz fertig. Hingegen wird als maßgebliche Ursache für die Depression eine Kindheit vermutet, in der die Bezugspersonen überfordert waren und dadurch das kleine Kind keine sichere Bindung entwickeln konnte.

Psychotherapie

Wann braucht es eine psychotherapeutische Krisenbegleitung

Wenn im persönlichen Bereich die stabilisierenden unterstützenden Beziehungen fehlen oder das soziale Umfeld mit der Problematik überfordert ist, kann eine Psychotherapie oder klinisch-psychologische Behandlung helfen.

Der Anfang einer professionellen Krisenbegleitung ist geprägt durch stützende Gespräche, die eine emotionale Entlastung ermöglichen. Dabei werden aktuelle Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse besprochen.

Bearbeitung der Vulnerabilität

Nach und nach werden die lebensgeschichtlichen Hintergründe erfasst, die möglicherweise zu einer erhöhten psychischen Verwundbarkeit (Vulnerabilität) führten. In der Folge können frühere seelische Kränkungen und Verletzungen bearbeitet werden.

Erhöhung der Resilienz

Um die sogenannte Resilienz zu erhöhen, können mithilfe des Psychotherapeuten neue Möglichkeiten und Wege geübt werden, mit schmerzlichen Gefühlen, Schwierigkeiten und Belastungen umzugehen. Resilienz ist die Fähigkeit, mit belastenden Lebenssituationen und Krisen förderlich umzugehen und dabei die psychische und körperliche Gesundheit zu erhalten.

Psychiatrische Behandlung

Bei einer Anpassungsstörung werden häufig Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eingesetzt. Serotonin ist u.a. zuständig für die Stimmungslage. Treten außerdem Schlafstörungen auf können zum Einschlafen Neuroleptika oder schlafanstoßende Antidepressiva (z.B. Trittico®) verabreicht werden.

In der akuten Belastungsreaktion unmittelbar nach dem belastenden Ereignis werden bei Bedarf Beruhigungsmittel aus der Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine verabreicht, die allerdings wegen des extrem hohen Abhängigkeitspotenzials nur kurzfristig eingenommen werden sollen. Im Gegensatz zu Benzodiazepine haben Antidepressiva und Neuroleptika kein Abhängigkeitspotenzial und richtig eingesetzt bzw. dosiert treten kaum bis wenige Nebenwirkungen auf.

Die Behandlung mit Psychopharmaka sollte immer durch einen Facharzt für Psychiatrie erfolgen. Außerdem hat es sich bewährt, die medikamentöse Behandlung mit einer psychotherapeutischen Begleitung zu verbinden.

Stationäre Behandlung

In schweren Fällen kann ein stationärer psychiatrischer Aufenthalt erforderlich sein. Insbesondere ist dies der Fall, wenn die Betroffenen durch die Krise dermaßen überfordert sind, dass die alltäglichen Anforderungen gar nicht mehr bewältigbar sind oder wenn der Lebenswille verloren geht.

Die Psychiatrie bietet einen geschützten haltgebenden Rahmen mit umfassender seelischer und medikamentöser Unterstützung. Aufgrund der Begegnungen mit anderen Patienten fühlen sich die Betroffenen nicht mehr so alleine mit ihrer Problematik. Nach dem stationären Aufenthalt ist die Therapie ambulant mit Psychotherapie und allfälliger psychiatrischer Behandlung fortzusetzen.