Psychotherapie

Grundlagen der Psychotherapie, Neben­wirkungen, Methoden, Kosten­zuschuss und Therapeuten­suche

In meiner Arbeit mit Studierenden bin ich immer wieder damit konfrontiert, dass Schwierig­keiten im Studium weniger auf das Fehlen bestimmter akademischer und persönlicher Fähig­keiten zurück­zu­führen sind, sondern es deutliche Hinweise auf eine seelische Problematik gibt, die ein Weiter­kommen im Studium behindert oder sogar verhindert.

Wenn ich dieses Thema anspreche, stellt sich bei fast allen Klienten heraus, dass sie schon einmal in Psychotherapie waren und diese beendet/abgebrochen haben oder bereits länger über die Inanspruch­nahme einer Psychotherapie nachdenken.

In diesem Fall empfehle ich den Betroffenen die Fortsetzung der Psychotherapie bzw. zumindest ein klärendes Gespräch mit einem Psychothera­peuten, denn wenn die Psyche mit einer psychischen Problematik stark belastet ist, tut sich das Gehirn sehr schwer mit komplexen umfang­reichen Lern­inhalten und fordernden akademischen Problem­stellungen.

Mit der Bearbeitung und Auflösung seelischer Blockaden und innerer Konflikte können in der Folge auch die akademischen, beruflichen und persönlichen Heraus­forderungen leichter gelöst werden.

Bitte beachten Sie, dass ich Wissenschaftler und Lehrender bin und keine psychothera­peutischen oder medizinischen Behandlungen anbiete!

Was ist Psychotherapie

Psychotherapie ist Persönlich­keits­entwicklung, Selbst­erfahrung und eine Hilfe­stellung bei der Bearbeitung psychischer Probleme, seelischer Krisen und gestörter Verhaltens­weisen. Typische Themen einer Psychotherapie sind Gefühlsleben, Selbst­wahr­nehmung, Körper­wahr­nehmung, Selbst­bestimmung, Selbst­fürsorge, Selbstliebe und vor allem das Beziehungs­erleben.

Die gelungene psychothera­peutische Beziehung als zentraler Wirkfaktor

Die Fähigkeit, sich auf andere einzulassen und mit anderen in Beziehung zu sein ist von grundlegender Bedeutung für die seelische Gesundheit. Deshalb hat in allen psychothera­peutischen Methoden die Beziehung zwischen Patient und Therapeut einen hohen Stellenwert, insbesondere weil dies in Wirksam­keits­studien bestens abgesichert ist. D.h. der Erfolg einer psychothera­peutischen Behandlung hängt maßgeblich von einer gelungenen psychotherapeutischen Beziehung ab.

Angehende Psychotherapeuten erfahren deshalb zuerst eine langjährige Psychotherapie an sich selbst und in der Ausbildung wird eine besondere Aufmerksamkeit der fachlich aufgebauten Beziehungs­gestaltung gewidmet.

Die gute Beziehung zum Therapeuten ermöglicht den Patienten, eine bessere Beziehung zu sich selbst zu entwickeln. So können die Betroffenen ihre Emotionen authentisch wahrnehmen und zum Ausdruck bringen. Gefühle, Ansichten, Erwartungs­haltungen und Verhaltens­weisen unterliegen dabei keiner Wertung. Deshalb fühlen sich die Patienten in der Therapie angenommen und verstanden.

Durch das psychothera­peutische Gespräch werden psychische Prozesse, Gefühle und Erfahrungen ins Bewusstsein gebracht, begrifflich erfasst und dem Denken bzw. der Reflexion zugeführt. Auf diese Weise können innere Konflikte, psychische Abwehr­mechanismen, problematische Erwartungs­haltungen, schädliche Handlungs­muster, hinderliche Denkmuster, belastende Lebens­ereignisse und tiefere Kränkungen bearbeitet und verarbeitet werden.

In der Folge werden neue Möglichkeiten und Wege erarbeitet, mit sich selbst und anderen umzugehen, wodurch sich neue gelungene Beziehungs­muster und ein gesunder Umgang mit Emotionen entwickeln kann.

Risiken, Neben­wirkungen und Behandlungs­fehler

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung

Ähnlich wie bei Medikamenten und medizinischen Eingriffen muss auch bei einer Psychotherapie mit Nebenwirkungen und unerwünschten Effekten gerechnet werden. → Artikel

Wissenslücken und unbekanntes Nichtwissen

Manche psychische Themen sind noch nicht ausreichend erforscht oder neue relevante Forschungs­ergebnisse haben noch nicht die Ausbildungs­vereine und Praxen erreicht. Zudem sind einige seelischen Themen­gebiete derart komplex, dass es eigentlich eine Zusatz­ausbildung bräuchte, z.B. für die Therapie von Essstörun­gen, für Probleme im späten Jungend- und jungen Erwachsenen­alter oder für das Thema Geschlechts­identität, welches nicht nur bei Transgender-Personen relevant ist, sondern praktisch alle Menschen betrifft.

Ein weiteres Problem ist unbewusstes Nichtwissen. In diesem Fall glaubt der Therapeut zu wissen, tatsächlich werden jedoch wesentliche Fakten aufgrund unbewusster Unkenntnis und unbekannter Defizite übersehen. In der Folge ist die Behandlung unzureichend und mit Fehlurteilen behaftet, weil wesentliche unbewusst-unbekannte Fragmente nicht berücksichtigt wurden. Die meisten Therapeuten haben aber ein Gefühl dafür entwickelt, dass irgendetwas nicht ganz stimmt bzw. übersehen wird und nehmen in der Folge eine Supervision in Anspruch.

Behandlungsfehler

Psychotherapeuten sind auch nur Menschen und selbst der beste erfahrenste Therapeut kann etwas übersehen oder Fehler machen. Daraus ergeben sich aber selten Probleme in der Therapie, insbesondere wenn der Therapeut seine Schwächen, Wissens­lücken und unbearbeiten seelischen Themen erkennt.

Problematisch wird es allerdings, wenn der Therapeut die eigenen Defizite und Fehler aufgrund von Narzissmus und unreifer Abwehrmechanismen unbewusst nicht eingestehen kann. Meist geben diese Therapeuten dann dem Patienten die Schuld an einer nicht gelungenen Therapie mit der Argumentation “Der Patient habe sich nicht auf die Therapie eingelassen”.

Um Behandlungs­risiken, Neben­wirkungen und Behandlungs­fehler zu minimieren, sind Psychotherapeuten angehalten, regelmäßig Fort­bildungen zu absolvieren, in der Supervision ihre Patienten­fälle zu besprechen und, falls erforderlich, den eigenen psychothera­peutischen Selbster­fahrungs­prozess fortzusetzen.

Gesetzlich geregelte Ausbildung zum Psychotherapeuten

Die Ausübung der Psychotherapie ist durch das Psychotherapiegesetz staatlich geregelt. Die Berufsbezeichnung “Psychotherapeut” bzw. “Psychothera­peutin” ist gesetzlich geschützt.

Die Ausbildung zum Psychotherapeuten umfasst das psychotherapeutische Propädeutikum sowie das Fach­spezifikum in der ausgewählten Methode und dauert in der Regel sieben bis neun Jahre. → Kompetenzen und Ausbildung von Psychotherapeuten, Psychiatern und Psychologen

Psychotherapeutische Methoden

In Österreich sind 23 Psychotherapie­methoden zugelassen. Zulassungs­behörde ist das Bundes­ministerium für Gesundheit. Auf der Webseite des BMG finden Sie eine Patienten­information über alle in Österreich anerkannten psychothera­peutischen Methoden (PDF, 400kB).

Die Methoden unterscheiden sich vor allem bezüglich des Menschenbildes, der Diagnose­stellung, des Zugangs zur Gefühlswelt und der Bearbeitungweise einer psychischen Problematik. Für den Behandlungs­erfolg hat die Methode eine geringere Bedeutung. Entscheidend ist die gelungene therapeutische Beziehung sowie die Ich-Struktur und Fachkompetenz des Therapeuten. Die Methode kann aber für die persönlichen Therapieziele wichtig sein.

Grundsätzlich lassen sich die 23 Methoden in vier Orientierungen unterteilen:

Hinsichtlich der Therapiedauer zeigen Statistiken, dass Behandlungen mit tiefen­psychologisch-fundierter und psychoanalytischer Psychotherapie im Durchschnitt deutlich länger dauern als verhaltens­therapeutisch, humanistisch-existentiell oder systemisch orientierte Therapien.

Kostenerstattung für Psychotherapie

Die psychotherapeutische Behandlung psychischer und psycho­somatischer Störungen ist aufgrund ihrer wissenschaftlich nachgewiesenen Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der ärztlichen Hilfe gleichgestellt. Damit die Krankenkassen zahlen, müssen die Klienten allerdings zu Patienten werden, also mit der entsprechenden F-Diagnose gem. ICD-10 Kapitel V (Psychische Störungen F00–F99) als psychisch krank erklärt werden.

Für Psychotherapie gibt es wie bei der ärztlichen Versorgung mit Vertragsarzt und Wahlarzt ebenfalls zwei Modelle von Kassenleistungen:

Leider vergeben die Krankenkassen nur ein sehr eingeschränktes Kontingent an voll finanzierten Therapieplätzen. Deshalb werden freie Therapieplätze vorrangig an sozial bedürftige Menschen mit schweren psychischen Störungen vergeben und es muss außerdem mit einer Wartezeit von mehreren Monaten gerechnet werden, bis ein Platz frei wird.

Die meisten Patienten müssen sich mit dem Kostenzuschuss begnügen, der zwischen 28 Euro (ÖGK) und 40 Euro (SVS, BVAEB) für eine Einzeltherapiestunde beträgt. Bei Honoraren für eine Therapieeinheit zwischen 80 und 110 Euro sind das gerade mal ein Drittel der Kosten. Viele Psychotherapeuten bieten einen Sozialtarif von 60 bis 75 Euro an, wodurch nach der Rückerstattung des Kostenzuschusses eine Einheit auf etwa 30 bis 50 Euro kommt.

Informationen zur Kostenübernahme von Psychotherapie sind auf den Webseiten der jeweiligen Krankenkassen zu finden. Bei der Notwendigkeit einer Finanzierung Ihrer Psychotherapie und bei offenen Fragen kontaktieren Sie am besten Ihre Krankenkasse.

Kostenzuschuss für die psychotherapeutische Behandlung

Wenn eine psychische Störung diagnostiziert wird, übernehmen die Krankenkassen jedenfalls einen Kostenzuschuss, der nicht an bestimmte Kassenplätze gebunden ist, sondern für alle Psychotherapien gilt. Die Diagnose einschließlich der Angaben zum Bedarf einer psychotherapeutischen Behandlung erstellt der Psychotherapeut.

Sie können allerdings nicht einfach mit der Sozialversicherungskarte zur Psychotherapie gehen und dort einen reduzierten Betrag zahlen, sondern es muss ein Bewilligungsantrag gestellt werden. Den Antrag müssen Sie vor der elften Therapiestunde bei der zuständigen Krankenkasse einreichen. Der Kostenzuschuss wird für maximal 50 Sitzungen zugesagt. Danach ist allenfalls ein neuerlicher Antrag zu stellen.

Das von Psychotherapeuten ausgefüllte Beiblatt beinhaltet Ihre persönliche Patientendaten und umfassende Angaben zur psychischen Erkrankung. → Antragsformular (PDF, 140kB)

Spätestens vor der zweiten Psychotherapiesitzung ist eine ärztliche Untersuchung erforderlich. Sie dient der Abklärung körperlicher Erkrankungen, die möglicherweise die psychische Symptomatik verursachen oder beeinflussen. Die ärztliche Bestätigung kann formlos oder mittels Bestätigungsformular erfolgen.

Der Antrag auf Kostenerstattung erfolgt mittels Formblatt und den Original­honorar­noten mit genauen Angaben über die erbrachten Leistungen einschließlich Diagnose. Der Betrag wird auf das Konto des Versicherten überwiesen.

Weitere Infos:

Volle Kostenübernahme der Psychotherapie durch die Krankenkassen

Etwa ein Viertel aller eingetragenen Psychotherapeuten bieten eine Psychotherapie auf Krankenschein an. Sie verfügen aber nur über ein sehr eingeschränktes Kontingent an voll finanzierten Therapieplätzen (2 bis 6 Plätze). Es muss deshalb mit einer Wartezeit von mehreren Monaten gerechnet werden, bis ein Therapieplatz frei wird.

Freie Plätze werden vorrangig an sozial bedürftige Menschen vergeben und meist erhalten nur Patienten mit schweren und schwersten psychischen Störungen eine kostenlose Psychotherapie (Entscheidung liegt beim Therapeuten). Für Kinder- und Jugendliche ist es in einigen Bundesländern (z.B. NÖ) etwas leichter, einen voll finanzierten Therapieplatz zu bekommen.

Zuständig für die Administration dieser kostenlosen psychotherapeutischen Versorgung sind die nachfolgend angeführten Institutionen. Diese führen eine Liste von Therapeuten mit Krankenkassenplätzen, an die Sie sich wenden können:

Psychotherapeutensuche

Empfehlungen

Am einfachsten ist es, zuerst ein Gespräch mit dem vertrauten Hausarzt, einem Facharzt oder einem Psychiater zu führen. Meist kann dort schon festgestellt werden, ob eine Psychotherapie angezeigt ist. Im Falle der Notwendigkeit einer Psychotherapie kann der Arzt eventuell gleich eine Therapeuten-Empfehlung mitgeben.

Wenn die Inanspruchnahme einer Psychotherapie kein Geheimnis bleiben muss, können Sie auch Freunde, Kollegen, Mitstudierende oder Verwandte fragen, von denen Sie wissen, dass sie gute Erfahrungen mit einer Psychotherapie gemacht haben.

Google-Suche

Ohne Empfehlungen ist mittlerweile Google die effektivste Hilfe bei der Psychotherapeutensuche. Geben Sie auf der Google-Website im Suchfeld “Psychotherapie” sowie den Ort und das Störungsbild (z.B. Essstörung) ein.

Nehmen Sie sich Zeit zum Recherchieren und schauen Sie sich nicht nur die Suchergebnisse auf der ersten Seite an. Beachten Sie, dass Suchergebnisse auf vorderen Plätzen nichts über die Kompetenz des Psychotherapeuten aussagt, sondern eher etwas über den Aufwand für das Erstellen der Webeseiteninhalte und für die Suchmaschinenoptimierung.

Online-Portale

Im Internet stehen außerdem einige Online-Datenbanken für die Therapeutensuche zur Verfügung. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie stellt ein Online-Portal ihrer Mitglieder zur Verfügung, wobei hier aber nicht alle Psychotherapeuten eingetragen sind, weil die Mitgliedschaft im ÖBVP freiwillig ist.

Ferner gibt es einige kommerzielle Online-Portale. Allerdings ist im Gegensatz zur Google-Suche bei der Sichtbarkeit der Ergebnis-Listung relevant, ob es sich um eine bezahlte Eintragung handelt. Der Großteil der Psychotherapeuten begnügt sich in diesen Verzeichnissen mit einer nachgereihten unscheinbaren Gratiseintragung. Außerdem sind viele in diesen Online-Portalen gar nicht registriert oder der Eintrag ist nicht mehr aktuell. Hingegen hat praktisch jeder in freier Praxis tätige Psychotherapeut eine aktuelle Webseite und ist über die Suchmaschinen direkt auffindbar.

Informationen auf der Webseite des Therapeuten

Anhand von Informationen auf der Webseite der Psychotherapeuten ist schon eine Auswahl nach Kriterien wie Arbeitsschwerpunkte, Methode, Ausbildung, Berufserfahrung, Praxislage und Kosten möglich.

Lassen Sie sich aber nicht von der hochprofessionellen stilvollen Gestaltung einer Webseite blenden, sondern achten Sie mehr auf die Inhalte, z.B. ob die Spezialisierungen zu ihrer Problematik passen und der Lebenslauf des Therapeuten Sie anspricht.

Achten Sie außerdem darauf, ob das Stundenhonorar zu ihrem Budget passt, denn eine finanzielle Überforderung kann den Therapieerfolg beeinträchtigen. Die Höhe des Stunden­honorars sagt über den zu erwartenden Therapie­erfolg ohnehin nur wenig bis nichts aus. Ein Psychotherapeut in Ausbildung mit einem Stunden­honorar von 30 Euro kann besser für ihr Anliegen passen als ein langjährig tätiger Psychotherapeut, der 120 Euro für eine Therapie­stunde verlangt.

Ob der Therapeut “passt” und ausreichend mit Ihrer Problematik und Persönlich­keits­struktur vertraut ist, können Sie beim Erst­gespräch klären.

Erstgespräch

Im Rahmen des psychothera­peutischen Erstgesprächs können sich Patient und Therapeut kennen lernen und feststellen, ob eine gute Zusammenarbeit möglich ist. Bedenken Sie, dass der Behandlungserfolg einer Psychotherapie vor allem von der gelungenen psychotherapeutischen Beziehung und einfühlsamen Bearbeitung der seelischen Problematik abhängt. Wenn Sie beim Erstgespräch ein gutes Gefühl haben und Sie sich verstanden und willkommen fühlen, sind Sie in den meisten Fällen an der richtigen Stelle.

Das Erstgespräch ist beiderseits unverbindlich, d.h. es entsteht keine rechtliche oder moralische Verpflichtung, eine Therapie zu beginnen. Wenn es beim ersten Erstgespräch nicht gleich “funkt”, scheuen Sie sich nicht, mit verschiedenen Therapeuten zu sprechen und in der Folge dort die Therapie zu machen, wo Sie sich am wohlsten fühlen.

Infobroschüren des Gesundheitsministeriums