Selbstunsicherheit

Wenn Schüchtern­heit und Bindungs­ängste nahe Beziehungen verhindern

Betroffene von Schüchternheit, Selbstunsicherheit und Bindungsangst spüren im Allgemeinen eine beständige Sehnsucht nach Nähe, Zuneigung und Akzeptanz, aber gleichzeitig haben sie Angst vor Enttäuschungen und Zurückweisungen. In der Folge vermeiden sie es, sich auf nahe Beziehungen einzulassen.

Mit Psychotherapie lassen sich Schüchternheit, Selbstunsicherheit und Ängste gut behandeln. Dabei ist zwischen Bindungsangst und Sozialphobie zu unterscheiden. Betroffene einer sozialen Phobie verhalten sich ängstlich-vermeidend hinsichtlich sozialer Situationen. Hingegen sind Betroffene einer Bindungsproblematik ängstlich-vermeidend in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Während eine Angststörung wie die Sozialphobie mit Psychotherapie relativ rasch und einfach bearbeitet werden kann, ist eine Selbstwert- und Bindungsproblematik meist mit einer längeren Psychotherapie verbunden.

Zu unterscheiden ist eine tiefere Selbstunsicherheit außerdem von einem Defizit an Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Selbstvertrauen, wie es häufig bei Menschen zu finden ist, die sich zu wenig selbst verwirklichen oder bei Jungendlichen und jungen Erwachsenen, die sich gerade in einer schwierigen Entwicklungsphase zum Erwachsenwerden befinden.

Kennzeichen einer Bindungsproblematik

Für Bindungsängste kann synonym auch der Begriff der ängstlich-vermeidenden (selbstunsicheren) Persönlichkeitsstörung verwendet werden. Dieser diagnostische Begriff beschreibt das ängstliche, selbstunsichere und vermeidenden Verhalten in Beziehungen treffend. Der Hintergrund der Problematik wird allerdings eher mit den Begriffen Bindungsangst und Bindungskonflikt beschrieben.

Symptomatisch für eine Bindungsproblematik sind Ängstlichkeit, Schüchternheit, Einsamkeit, Minderwertigkeitsgefühle, Anspannung und Besorgtheit. Viele Betroffene fühlen sich unbeholfen, gehemmt und unattraktiv. Sie kommen schnell in Verlegenheit und erröten leicht. Risiken alltäglicher Situationen werden überbewertet, wodurch es oft zur Vermeidung bestimmter Aktivitäten kommt. Aus Angst vor Zurückweisung und Verspottung vermeiden sie häufig soziale Kontakte und leiden an ihrer Einsamkeit.

Aufgrund ihres selbstunsicher-vermeidenden Verhaltens bleiben die Betroffenen oft längere Zeit ohne Liebesbeziehung. Nicht selten wird der Zusammenbruch von Beziehungen (unbewusst) selbst provoziert, wodurch die negative Haltung zu Beziehungen bestätigt und verstärkt wird. Nach mehreren Enttäuschungen flüchten die Betroffenen häufig in berufliche oder private Aktivitäten und vermeiden gänzlich nahe zwischenmenschliche Beziehungen.

Von den anderen Menschen werden die Betroffenen meist als positiv, nett und sensibel empfunden, weil sie zurückhaltend-bescheiden sind und sich bei Konflikten eher um Ausgleich bemühen. Aufgrund ihrer selbstkritischen Haltung können Betroffene von Selbstunsicherheit leichter persönliche Einstellungen revidieren, sobald sie Widersprüche wahrnehmen. Außerdem ermöglicht ihnen ihre soziale Distanz eine objektive und kritische Betrachtung gesellschaftlicher Zustände und Entwicklungen.

Ursachen einer Bindungsproblematik

Meist entsteht die Bindungsangst in den ersten beiden Lebensjahren und sitzt deshalb sehr tief in der Seele der Betroffenen. Als maßgebliche Ursache wird eine frühe Kindheit vermutet, in der die primäre Bezugsperson überfordert oder depressiv war und dadurch das kleine Kind keine sichere Bindung entwickeln konnte.

Psychotherapie

Schüchternheit und Selbstunsicherheit bzw. die zugrundeliegende Bindungsangst kann mit Psychotherapie gut behandelt werden. In den meisten Fällen ist eine längere Psychotherapie erforderlich und im therapeutischen Prozess sind spezifische Behandlungsfaktoren zu beachten. Entscheidend für den Behandlungserfolg sind zwei grundlegende Faktoren:

Sichere therapeutische Beziehung

In den ersten Therapiestunden wird eine besondere Aufmerksamkeit dem Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung gewidmet, in der die Betroffenen eine freudevolle reflektierende Interaktion erfahren. So kann sich im Laufe der Zeit eine sichere Bindung entwickeln. Dies ermöglicht die Bearbeitung von inneren Konflikten, ungünstigen Beziehungsdynamiken und Beeinträchtigungen bei der Emotionsverarbeitung.

Beziehungsmuster und Emotionsverarbeitung

Mit Unterstützung des Therapeuten können neue Möglichkeiten entwickelt und erprobt werden, mit sich selbst und nahestehenden Mitmenschen umzugehen. Dadurch können sich neue gelungene Beziehungsmuster und ein sicherer Umgang mit Emotionen entwickeln. Außerdem ermöglicht die zunehmende Vertrautheit und Sicherheit in der therapeutischen Beziehung die Besprechung und Bearbeitung belastender Lebensereignisse und Kränkungen.

Therapiekrisen

Dabei wird es immer wieder zu Momenten und Phasen kommen, wo Zweifel an der Psychotherapie und am Therapeuten auftauchen. Bei einer Bindungsangst sind solche Therapiekrisen Teil des therapeutischen Prozesses, bei dem die wiederkehrende problematische Beziehungsdynamik einfühlsam aufgedeckt und besprochen wird.

Außerdem ist zu berücksichtigen, dass die Betroffenen gute Patienten sein möchten und in der Therapie immer alles richtig machen wollen, wodurch die Gefahr besteht, dass sie sich im therapeutischen Prozess selbst überfordern.

Loslösung von den Eltern und bedenklichen Werthaltungen

Meist geht es in der Therapie auch um die angstbesetzte emotionale Loslösung von den Eltern sowie um die Befreiung von unrealistischen und bedenklichen Idealvorstellungen, Werthaltungen und Erwartungshaltungen.

Das Leben echt und voll leben

Im Laufe der Therapie wachsen Selbstsicherheit und Selbstvertrauen, um Ängste zu überwinden und Risiken einzugehen. Während die Betroffenen vorher eine Art von Ersatzleben mit Ersatzbefriedigungen führten, wenden sie sich immer mehr ihren wahren Bedürfnissen zu. Sie realisieren, was für ein lustvoller Abenteuerspielplatz die Welt ist und können sich selbstsicher auf Beziehungen einlassen bzw. echte Nähe zulassen.

Weitere Infos über Psychotherapie

Auf meiner Webseite finden Sie umfassende Infos über Psychotherapie, Methoden, Kostenzuschuss und Psychotherapeutensuche. Außerdem stellt das Gesundheitsministerium eine ausführliche Infobroschüre über Psychotherapie und psychotherapeutische Methoden (PDF, 850kB) zum Download bereit.