Sozialphobie

Wann braucht es eine Therapie bei sozialen Ängsten

Die übersteigerte Angst vor sozialen Situationen bzw. ein unbegründetes starkes Unbe­hagen in diesen an sich gefahrlosen Situationen wird Sozial­phobie genannt. Besonders häufig sind soziale Ängste bei jungen Menschen in der Entwicklungs­phase vom späten Jugend­alter bis zum vollen Erwachsensein zu beobachten.

Eine Psychotherapie braucht es meist dann, wenn die Lebens­führung, die akademische Entwicklung, das berufliche Vorankommen und die soziale Teil­habe durch die Sozial­phobie eingeschränkt ist und/oder die mit den Ängsten verbundenen Symptome (z.B. erröten, schwitzen) einen beträchtlichen Leidens­druck verursachen.

Abzugrenzen ist die Sozialphobie von der typischen Anspannung in schwierigen sozialen Situationen und vom Lampen­fieber bei Präsentationen. Insbesondere anspruchsvolle Referate mit anschließender Fragen­beantwortung und fachlicher Diskussion sind eine große Heraus­forderung, die mit viel Stress und Nervosität verbunden sein kann. Hier hilft eher ein gutes Kommunikations­training.

Wichtiger Hinweis: Diese Seite dient allen Interes­sierten zur Information und kann keines­falls ein ärztliches oder thera­peutisches Gespräch ersetzen. Bitte beachten Sie, dass ich Wissen­schaftler und Lehrender bin und keine Behandlung anbiete!

Soziale Ängste im späten Jugend- und jungen Erwachsenenalter

Die fragile Lebensphase von der Jugend bis zum vollen Erwachsensein ist aufgrund der enormen hirn­organischen und psychosozialen Veränderungen häufig von Ängsten und Unsicherheit geprägt.

Mit wachsendener Lebens­erfahrung und zunehmender Autonomie für die Entfaltung der eigenen Interessen und Fähigkeiten wächst bei den jungen Menschen auch das Selbst­ver­trauen, wodurch befremdliche, peinliche und irritierende soziale Situationen leichter, gelassener und sicherer bewältigt werden können.

Durch das ständige Üben des Sozial­verhaltens im Rahmen der alltäglichen Heraus­forderungen in Schule, Studium und Beruf können sich soziale Ängste sogar ganz heraus­wachsen. Besonders wichtig sind dabei die Gespräche und Aktivitäten innerhalb der Peer-Group, wobei die Peer-Group insgesamt einen großen Stellen­wert bei den Entwicklungs­aufgaben im späten Jungend- und jungen Erwachsenen­alter hat.

Im manchen Fällen halten sich die sozialen Ängste aber hartnäcktig. Ist die persönliche und fachliche Entfaltung durch extreme oder unüberwindbare soziale Ängste eingeschränkt und besteht dadurch ein erheblicher Leidensdruck, kann von einer Sozialphobie bzw. sozialen Angststörung ausgegangen werden.

Entscheidend ist, ob die Ängste allein und mithilfe von Freunden, Bezugs­personen, Lehrern, etc. noch überwunden werden können. Wenn das nicht mehr der Fall ist, braucht es im Allgemeinen eine Psychotherapie.

Mit Psychotherapie kann eine Sozialphobie relativ einfach und rasch behandelt werden. Meist wird innerhalb weniger Monate ein deutlicher Therapie­erfolg erzielt, sofern nicht eine tiefere Selbstwert­problematik bzw. Bindungsangst zugrunde liegt.

Merkmale einer sozialen Phobie

Die Sozialphobie ist eine Angststörung und wird den neurotischen Störungen zugeordnet. Ein wesentliches Merkmal einer neurotischen Angststörung ist, dass sich die Betroffenen der Irrealität ihrer Befürchtungen bzw. übersteigerten Reaktion bewusst sind. Z.B. sagen sie “Ich weiß, dass die Situation harmlos ist und mir nichts passieren kann, aber …”. Hingegen nehmen Betroffene von schweren psychischen Störungen ihre Befürchtungen als begründet oder sogar als existenz­bedrohend wahr.

Die soziale Angst vor Ablehnung, Kritik oder prüfender Betrachtung durch andere Menschen bzw. die damit verbundene Peinlichkeit und Beschämung äußert sich häufig in Erröten, Hände­zittern, Übelkeit oder Drang zum Wasser­lassen. Die Betroffenen glauben manchmal, dass dieses Symptom das eigentliche Problem ist.

Spezifische Sozialphobie

Kennzeichnend für eine spezifische soziale Phobie ist die versuchte Vermeidung bestimmter sozialer Situationen aufgrund irrealer Ängste. Im Grunde fürchten die Betroffenen nicht die soziale Situation an sich, sondern das peinliche und beschämende Gefühl, welches damit verbunden ist. Wenn die Situation nicht umgehbar ist, kann sich die Angst bis zur Panikattacke steigern.

Spezifische soziale Ängste können das soziale und berufliche Vorankommen hemmen, weil die Ängste wichtige soziale Handlungen und Begegnungen betreffen, z.B. Essengehen, gegenseitiges Zutrinken mit Anstoßen der Gläser, Telefonieren, Präsentationen halten. Auch Prüfungsangst kann in vielen Fällen als Sozialphobie klassifiziert werden.

Generalisierte soziale Ängste

Im Gegensatz zur spezifischen Sozialphobie ist die generalisierte Form der sozialen Phobie durch eine generelle Angst vor sozialen Kontakten gekennzeichnet. Damit wird die diagnostische Abgrenzung zwischen sozialer Angststörung und selbst­unsicherer (ängstlich-vermeidender) Persönlich­keits­störung besonders schwer.

Psychodynamisches Erklärungsmodell und Abgrenzung zwischen Sozial­phobie und selbst­unsicherer Persönlichkeits­störung

Psychodynamisch betrachtet ist die soziale Phobie das Symptom eines unbewussten inneren Konflikts, verursacht durch Defizite in der Autonomie­entwicklung. Dabei steht das Bedürfnis nach der selbstbestimmten Erfüllung der eigenen Trieb­wünsche im Konflikt mit der Befürchtung, dadurch geliebte Bezugs­personen oder die soziale Anerkennung zu verlieren.

Dieser innere Spannungs­zustand wird Autonomiekonflikt genannt und kann mit Psychotherapie im Allgemeinen rasch und einfach bearbeitet werden, da die Problematik relativ spät in der Kindheit entsteht.

Hingegen ist bei der selbst­unsicheren Persönlich­keits­störung die Entstehungs­geschichte viel früher und damit auch tiefer. Hier wird als maßgebliche Ursache eine frühe Kindheit vermutet, in der die primäre Bezugsperson überfordert oder depressiv war und dadurch das kleine Kind keine sichere Bindung entwickeln konnte. Die Folge ist eine tiefere Selbstwert- und Bindungs­problematik, die eine längere Psychotherapie erforderlich macht.

Psychotherapie bei sozialer Phobie

In der Psychotherapie werden die zugrunde liegenden Defizite in der Autonomie- und Identitäts­entwicklung sowie verdrängte Gefühle aufgedeckt und in Zusammenhang mit Erfahrungen aus der Kindheit und Jugend gebracht.

Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf verdrängte und unterdrückte Aggressionen gelegt, denn es braucht ein gewisses Maß an Aggression, um sich von familiären und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen zu befreien und eigene Wege zu gehen.

Im Laufe der Psychotherapie erkennen die Betroffenen, mit welchen Einschränkungen, Bemühungen und Befürchtungen das Befolgen vermeintlicher und tatsächlicher familiärer Erwartungs­haltungen verbunden ist und wie anstrengend und stressvoll das Bestreben nach sozialer Anerkennung sein kann.

Mit dieser tieferen Erkenntnis und einem gesunden Maß an Aggression können in der Folge die wahren Bedürfnisse und eigentlichen Interessen selbst­bewusst und selbst­bestimmt gelebt und die eigenen Potentiale voll entfaltet werden.