Soziale Ängste

Was tun bei Ängsten vor bestimmten sozialen Situationen

Die übermäßige Angst vor sozialen Situationen wird Sozialphobie genannt und ist besonders häufig bei jungen Menschen in der Entwicklungsphase vom Jugendalter bis zum vollen Erwachsensein zu beobachten.

In vielen Fällen vergehen die sozialen Ängste ohne Psychotherapie im Laufe des Erwachsen­werdens durch die Bewältigung der alltäglichen Heraus­forderungen in Schule, Studium und Beruf sowie mithilfe der zwischen­menschlichen Interaktion und den Aktivitäten innerhalb der Peer-Group.

Soziale Ängste und Autonomieentwicklung

Jugendliche und junge Erwachsene befinden sich im Allgemeinen in einem extrem fordernden Lern-, Erfahrungs- und Entwicklungsprozess. Dabei treten neben den typischen entwicklungs­spezifischen Krisen und Problemen natürlicherweise auch soziale Ängste auf.

Mit den Lebenserfahrungen und zunehmender Autonomie für die Entfaltung der eigenen Interessen und Fähigkeiten wächst bei den jungen Menschen das Selbstbewusstsein und Selbst­vertrauen. Dadurch können befremdliche, peinliche und verunsichernde soziale Situationen leichter und selbstsicherer bewältigt werden.

Im manchen Fällen halten sich die sozialen Ängste aber hartnäcktig. Ist die persönliche und fachliche Entfaltung durch extreme oder unüberwindbare soziale Ängste eingeschränkt und besteht dadurch ein erheblicher Leidensdruck, kann von einer Sozialphobie bzw. sozialen Angststörung ausgegangen werden.

Entscheidend ist, ob die Ängste allein und mithilfe von Freunden, Bezugs­personen, Lehrern, etc. noch überwunden werden können. Wenn das nicht mehr der Fall ist, braucht es im Allgemeinen eine Psychotherapie.

Mit Psychotherapie kann eine Sozialphobie relativ einfach und rasch behandelt werden. Meist wird innerhalb weniger Monate ein deutlicher Therapieerfolg erzielt, sofern nicht eine tiefere Selbstwert­problematik bzw. Bindungsangst zugrunde liegt.

Merkmale einer sozialen Phobie

Die Sozialphobie ist eine Angststörung und wird den neurotischen Störungen zugeordnet. Ein wesentliches Kennzeichen einer neurotischen Angststörung ist, dass sich die Betroffenen der Irrealität ihrer Befürchtungen bzw. übersteigerten Reaktion bewusst sind. Z.B. sagen sie “Ich weiß, dass die Situation harmlos ist und mir nichts passieren kann, aber …”. Hingegen nehmen Betroffene von schweren psychischen Störungen ihre Befürchtungen als begründet und existenzgefährdend wahr.

Die bei der Sozialphobie auftretende Angst vor Ablehnung, Kritik oder prüfender Betrachtung durch andere Menschen bzw. die damit verbundene Peinlichkeit und Beschämung kann sich z.B. in Erröten, Händezittern, Übelkeit oder Drang zum Wasserlassen äußern. Die Betroffenen glauben manchmal, dass dieses Symptom das eigentliche Problem ist.

Spezifische Sozialphobie

Kennzeichnend für eine spezifische soziale Phobie ist die versuchte Vermeidung bestimmter sozialer Situationen aufgrund irrealer Ängste. Im Grunde fürchten die Betroffenen nicht die soziale Situation an sich, sondern das peinliche und beschämende Gefühl, welches damit verbunden ist. Wenn die Situation nicht umgehbar ist, kann sich die Angst bis zur Panikattacke steigern.

Spezifische soziale Ängste können das soziale und berufliche Vorankommen hemmen, weil die Ängste wichtige soziale Handlungen und Begegnungen betreffen, z.B. Essengehen, gegenseitiges Zutrinken mit Anstoßen der Gläser, Telefonieren, Präsentationen halten. Auch Prüfungsangst kann in vielen Fällen als Sozialphobie klassifiziert werden.

Abzugrenzen ist eine spezifische soziale Phobie vom typischen Lampenfieber vor Präsentationen und Auftritten und von aufregenden aber überwindbaren Prüfungsängsten. Hier hilft eher ein gutes Kommunikations- und Präsentations­training bzw. ein professionelles Lern- und Prüfungscoaching.

Generalisierte soziale Ängste

Im Gegensatz zur spezifischen Sozialphobie ist die generalisierte Form der sozialen Phobie durch eine generelle Angst vor sozialen Kontakten gekennzeichnet. Damit wird die diagnostische Abgrenzung zwischen einer sozialer Angststörung und der selbstunsicheren (ängstlich-vermeidenden) Persönlichkeitsstörung besonders schwer.

Psychodynamisches Erklärungsmodell und Abgrenzung zwischen Sozialphobie und selbstunsicherer Persönlichkeitsstörung

Psychodynamisch betrachtet ist die soziale Phobie das Symptom eines unbewussten inneren Konflikts, verursacht durch Defizite in der Autonomie­entwicklung. Dabei steht das Bedürfnis nach der selbstbestimmten Erfüllung der eigenen Triebwünsche im Konflikt mit der Befürchtung, dadurch geliebte Bezugspersonen oder die soziale Anerkennung zu verlieren.

Dieser innere Spannungszustand wird Autonomiekonflikt genannt und kann mit Psychotherapie im Allgemeinen rasch und einfach bearbeitet werden, da die Problematik relativ spät in der Kindheit entsteht.

Hingegen ist bei der selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung die Entstehungs­geschichte viel früher und damit auch tiefer. Hier wird als maßgebliche Ursache eine frühe Kindheit vermutet, in der die primäre Bezugsperson überfordert oder depressiv war und dadurch das kleine Kind keine sichere Bindung entwickeln konnte. Die Folge ist eine tiefere Selbstwert- und Bindungs­problematik, die eine längere Psychotherapie erforderlich macht.

Psychotherapie bei sozialer Phobie

In der Psychotherapie werden die zugrunde liegenden Defizite in der Autonomie- und Identitätsentwicklung sowie verdrängte Gefühle aufgedeckt und in Zusammenhang mit Erfahrungen aus der Kindheit und Jugend gebracht.

Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf verdrängte und unterdrückte Aggressionen gelegt, denn es braucht ein gewisses Maß an Aggression, um sich von familiären und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen zu befreien und eigene Wege zu gehen.

Im Laufe der Psychotherapie erkennen die Betroffenen, mit welchen Einschränkungen die vermeintlichen und tatsächlichen Erwartungshaltungen der Bezugspersonen und das übermäßige Bestreben nach sozialer Anerkennung verbunden ist. In der Folge lernen sie, mutig, humorvoll und mit einem gesunden Maß an Aggression ihre lustvollen Bedürfnisse und wahren Interessen zu leben.